Selbststudium – Reflexion 2

In Bezug auf Lern- und Forschungsprozesse lassen sich absolute Anfangs- und Endpunkte einer solchen Suche nach einer Theoriegestalt meist schwer bestimmen. Aber es gibt Momente des Durchbruchs, in denen sich plötzlich disparate Elemente fügen und ein sinnvolles Bild ergeben. Das sind die berühmten „Aha“-Momente. Im Weg dorthin liegt dieselbe Spannung, die in Detektivgeschichten das „Who‘s done it“ (Wer war’s?) ausmacht. Sie enthalten quasi eine ‚Belohnung‘ für unsere gedanklichen Anstrengungen und bauen Motivation auf.

Interessanter Weise behalten wir auch Dinge, die sich mit solchen Emotionen verbinden und in ein sinnvolles Bild fügen, besser, als solche, die ohne Zusammenhang wahrgenommen werden. Wenn sich etwas für uns in einen Zusammenhang fügt und damit einen Sinn ergibt, sind Details zum Teil sogar mühelos erinnerbar. Wir brauchen keine gedankliche Anstrengung mehr fürs Memorieren, sondern nur fürs Gestalterkennen bzw. fürs Erfassen des Zusammenhangs.

Aber hier können sich auch Fehler einschleichen. Erfassen wir den Zusammenhang falsch oder unvollständig, kann es sein, dass wir einen vermeintlichen Rest zusammenhanglos erscheinenden ‚Details‘ im Wahrnehmungsprozess nicht mehr bemerken, also schon von vorneherein darüber hinwegblicken oder dass wir etwas hinzudenken, was aus der Logik des gedachten Zusammenhangs dazugehören würde, was aber nicht vorhanden ist. Die Zauberkunst arbeitet bewusst mit solchen Täuschungen.

Wissenschaftstheorien wie die von Ludwik Fleck vergleichen die Fähigkeit, bestimmte Zusammenhänge zu erkennen, mit einem „Denkstil“. Ein „Denkstil“ ist immer eine kulturelle – und das heißt auch – kollektive Art zu denken. Er ist kein Programm, aber er erzeugt eine bestimmte Bereitschaft, die Dinge so und nicht anders zu sehen. Um etwas anders sehen zu können, müssen wir den Denkstil ändern und die gewohnte Denkweise in Frage stellen. Dass unser Denkstil nichts rein Persönliches ist, bemerken wir, wenn wir aus dem gewohnten Lebensfeld heraustreten und neue Beziehungen zu Menschen eingehen. Wir können dann besser erkennen, was wir von anderen mit einer gewissen Selbstverständlichkeit übernommen haben.