Selbststudium – Reflexion 3

„Einen Wassertropfen“, erklärt Lev S. Vygotskij, „kann man zweimal unter dem Mikroskop betrachten […]. Das eine Mal untersuchen wir mit dem Mikroskop die Zusammensetzung des Wassertropfens, das andere Mal prüfen wir durch Betrachten des Tropfens die Funktionstüchtigkeit des Mikroskops.“ (Vygotskij 1927/2003, 92f) Bemerkenswert ist, dass beide Seiten dieser Erfahrung voneinander zwar unterscheid-, praktisch aber nicht trennbar sind: Die „Benutzung von Werkzeug ist gleichzeitig seine Überprüfung, es wird dabei studiert und gemeistert, Untaugliches wird verworfen, anderes verbessert, Neues geschaffen“ (93).

Wie Werkzeuge für bestimmte Arbeitsvorgänge nützliche Eigenschaften besitzen wie Form, Material und Widerständigkeit, so haben auch Begriffe einen unterschiedlichen Wert fürs Denken. Deshalb lässt sich beim gedanklichen Handeln ein Vergleich zur Benutzung und Überprüfung von Arbeitswerkzeugen ziehen: Begriffe machen Tatsachen gedanklich verfügbar und – analog zur Überprüfung des Werkzeugs durch seinen Gebrauch – erfolgt auch eine „Kritik des Begriffs durch Tatsachen; die Begriffe werden miteinander verglichen und werden verändert.“ (Ebd.)

Welcher Begriff in Bezug auf ein konkretes Problem sinnvoller oder angemessener ist, zeigt sich im Gebrauch. Aus diesem Grund unterscheidet sich jede „wissenschaftliche Erkenntnis […] vom Registrieren einer Tatsache durch den Akt der Wahl des erforderlichen Begriffs“ (ebd.). Der Begriff ist nicht selbst die Tatsache, sondern dient einer bestimmten gedanklichen Arbeit, um die Tatsache zu begreifen.

Zugespitzt: „Jedes Wort ist eine Theorie“, und aus diesem Grund ist die „kritische Arbeit an unseren Wahrnehmungen“ und „an den mit ihnen verbundenen Begriffen“ (93) unabkömmlich. Mit Vygotskij lässt sich darum in diesem Wesen des gedanklichen Handelns der Ursprung aller Wissenschaft verorten. Denn „[w]ären Begriffe, als Werkzeug, für die Erfahrungstatsachen vorherbestimmt, dann wäre die ganze Wissenschaft überflüssig.“ (Ebd.)

 

Vygotskij, L.S. (1927/2003). Die Krise der Psychologie in ihrer historischen Bedeutung. In: Ausgewählte Schriften, Band 1, hg. v. J. Lompscher, Berlin, 57 – 277