Selbststudium – Reflexion 3

Um unsere Handlungsfähigkeit zu entwickeln, kommt es nicht nur auf die Kenntnis derartiger Formeln an, sondern auch auf Erfahrungen mit ihrem theoretischen Gehalt. Ohne sie wären wir zur Lösung der Aufgabe auf praktische Erfahrungen angewiesen, also etwa darauf, selbst ein Seil kreisförmig aufzuspannen und es dann um den genannten Betrag von zehn Metern zu verlängern. Da der Erdumfang jedoch nicht in unseren Nahbereich sinnlich-konkreter Wahrnehmung fällt, hätten wir den Versuch nur mit einer Miniaturisierung der Zusammenhänge praktisch durchführen können. Voraussetzung dafür wäre aber wieder eine abstraktere gedankliche Arbeit, nämlich alle relevanten Größen maßstabsgetreu zu verkleinern. Bei einem Erdumfang von rund 40.074 Kilometern würde bei einem Verkleinerungsmaßstab von 1:1.000.000 aus den zehn Metern eine Größe von 0,001 Millimetern. So zu verfahren wäre also in dem vorliegenden Fall jedoch im wahrsten Sinne des Wortes ‚unpraktisch‘, das oben beschriebene theoretische Vorgehen hingegen ‚praktisch‘.

 

Das Wortspiel unterstreicht, was die Gegenüberstellung der Lösungsmethoden bereits herausstellte: Unsere Denkfähigkeit und unsere Handlungsfähigkeit entwickeln sich nicht isoliert, sondern im Verhältnis zueinander. Denn theoretische Arbeit wird nicht generell getrennt, vor oder nach der praktischen geleistet, sondern in einer Einheit mit ihr. Der ersteren kommt dabei die Funktion zu, durch das gedankliche Durchdringen realer Zusammenhänge Handlungsmöglichkeiten zu erschließen, zu erweitern bzw. zu vergrößern. Die praktische Arbeit kann darauf aufbauen und damit in den Horizont der eigenen Erfahrung neue Gegenstände bringen, die zu einer weiteren theoretischen Arbeit herausfordern.

(C) by Ines Langemeyer