Kommerzialisierung und Schule

Ein Seminar-Projekt im Wintersemester 2015/2016 von Prof. Dr. Ines Langemeyer

Studierende in diesem Seminar haben Beiträge für eine Handreichung für Lehrerinnen und Lehrer erstellt, die demnächst auf dieser Internetseite publiziert werden.

 

Warum eine Handreichung für Lehrerinnen und Lehrer?

Wie der berühmte Entwicklungspsychologe Jürgen Oelkers bemerkte, ist der „hauptsächliche Wandel der Kindheit im 20. Jahrhundert … nicht derjenige zur Reformpädagogik, sondern der zur kommerziellen Kindheit“ (Oelkers 2002, 557). Sowie die Kindheit und Erziehung aber kaum mehr „vom Kommerz zu trennen“ ist (ebd.), zieht sie auch in die Schule ein. So stehen Lehrerinnen und Lehrer vor dem Problem, wie sie mit den Produkten der Massenkultur (z.B. Superhelden aus Hollywood-Filmen, Videospielen und Fernsehserien), dem Gebrauch von Social Media (z.B. Handynutzung und Kommunikationsdiensten) und populären Inszenierungen wie Fußball-WMs und ihrer Vermarktung im Unterricht oder auch auf dem Pausenhof umgehen sollen (Barfuss 2015). Um zeitgemäß zu sein, unternehmen Schulen den Schritt zu einem Auftritt in sozialen Netzwerken kommerzieller Anbieter. Teils offerieren kommerzielle Anbieter auch kostenloses Unterrichtsmaterial.

Im Studium spielt die Vorbereitung auf diese kommerzialisierte Seite der Alltagskultur eine randständige Rolle, obwohl sie im Schulalltag häufig als Spannungsfeld und als Herausforderung erlebt wird.

Wofür soll erzogen werden, wofür soll Bildung dienen? Wieviel Kommerz verträgt Bildung/Erziehung?

Diese Handreichung will Fragen aus dem Schulalltag mit Fragen der Kulturtheorie und -kritik verbinden. Sie stellt Unterrichtskonzepte und Unterrichtsziele vor, mit denen Lehrerinnen und Lehrer konkret arbeiten können. Sie zeigt Beispiele auf, wo Kommerzialisierung im Feld Schule problematisch wird und wo dieses Thema gewinnbringend in den Unterricht einbezogen werden kann. Sie überprüft aber auch grundlegender, welchen Einfluss die Kommerzialisierung auf anthropologische Sichtweisen hat, wie und warum ein Mensch erzogen werden soll/muss. Sie untersucht pädagogische Ansätze, wie ein sinnvoller Umgang mit kommerzieller Kultur in der Schule möglich ist und wie sich Lehrerinnen und Lehrer in ihrer Rolle dazu verhalten können.

 

Von welchem Standpunkt lassen sich Fragen der Erziehung beurteilen?

Wer was warum im Alltag konsumiert, gilt in unserer Gesellschaft als Privatsache. Es wird als Freiheitsrecht des Einzelnen wahrgenommen, dass man sich durch unterschiedliche Konsumstile individuell entwickeln und selbst verwirklichen kann. Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung werden als Werte in unserer Gesellschaft betont, ja sie werden rechtlich sogar geschützt. Allerdings bleibt dieses Recht auf Freiheit nicht ohne Einschränkung, da die Freiheit des Einzelnen nicht die des Anderen beschneiden darf:

„Niemand kann mich zwingen auf seine Art (wie er sich das Wohlsein anderer Menschen denkt) glücklich zu sein, sondern ein jeder darf seine Glückseligkeit auf dem Wege suchen, welcher ihm selbst gut dünkt, wenn er nur der Freiheit Anderer, einem ähnlichen Zwecke nachzustreben, die mit der Freiheit von jedermann nach einem möglichen allgemeinen Gesetze zusammen bestehen kann, (d.i. diesem Rechte des Andern) nicht Abbruch thut.“ (Immanuel Kant)

Betrachtet man aber gerade den Zusammenhang von Kommerzialisierung und Konsum, so finden sich schnell Beispiele, die die Frage aufwerfen, ab wann denn die Rechte des Anderen konkret verletzt werden?

Spielen wir solche Beispiele einmal gedanklich durch, nicht um direkt ein Urteil zu fällen, sondern um eine Reflexion anzuregen.

Erster Fall: Fliegt jemand mit einem Flugzeug, um Urlaub zu machen oder um ein anderes Land zu bereisen, verursacht er Lärm, der die Bewohner im Umfeld eines Flughafens nachweislich gesundheitlich schädigt.

Zweiter Fall: Ökologische Schäden durch hohen Fleischkonsum sind mittlerweile zu beziffern. Unabhängig vom Problem der Massentierhaltung und der Verletzung des Tierschutzes wirkt die globale Fleisch-Massenproduktion einschließlich einer billigen Futtermittelproduktion an der Zerstörung der Lebensgrundlage vieler Menschen mit. Felder, die die Menschen in armen Regionen für sich bewirtschaften könnten, werden für Mais- und Sojafuttermittel verwendet. Der Treibhauseffekt wird z.B. mit Rinderzucht nachweislich beschleunigt.

Im ersten Fall des Fluglärms gibt es hierzulande zumindest Flugverbotszeiten. Im zweiten Fall es überhaupt keine gesetzlichen Einschränkungen des Fleischkonsums. Es gibt lediglich ein paar Tierschutzbestimmungen, die aber nicht den Treibhauseffekt und andere ökologisch zerstörerische Folgen abmildern.

Warum hält unsere Gesellschaft in dem einen Fall ein partielles Einschreiten für notwendig, im anderen nicht?

 

These: Ein hartes Kriterium für solch unterschiedliche Regelungen und Einschränkungen gibt es nicht. Sie hängen mit dem sittlichen Empfinden in der Gesellschaft zusammen. Dieses Empfinden stützt Werte wie den Schutz der Privatsphäre, der eine Einschränkung des Fleischkonsums durch staatliche Regelungen verbietet.

Erläuterung: Fleisch ist in unserer Gesellschaft immer noch für große Teile der Bevölkerung ein wichtiges Lebens- und Genussmittel. Dies ist auf Erziehungs- und Bildungsprozesse zurückzuführen, in welchen Geschmack, Essgewohnheiten und Bewertungsmuster erlernt wurden. Durch Gesetze würden Menschen zum Umlernen gezwungen, was z.B. im Fall des Vorschlags der Grünen, in Kantinen einen ‚Veggie-Day‘ einzuführen, in der Bevölkerung massiven Widerstand auslöste. Zum Vergleich: In China arbeitet die Regierung an einer Halbierung des Fleischkonsums.

 

Dritter Fall: In der Silvesternacht zwischen den Jahren 2015 und 2016 geriet die feiernde Masse von Menschen durch das aggressive Verhalten junger nordafrikanischer Männer am Kölner Dom außer Kontrolle. Von unzähligen sexuellen Übergriffen auf Frauen und Diebstählen wurde berichtet. Offenbar wirkten dabei der Konsum von Alkohol und das Abfeuern von Feuerwerkskörpern vor dem Dom wie Aufputschmittel, weshalb in der anschließenden Debatte selbst von einem Flüchtling, der Augenzeuge war, die Einschätzung abgegeben wurde:

„‚Man sollte Alkohol und Feuerwerkskörper nur Menschen geben, die damit auch umgehen können.‘ Flüchtlinge gehören aus seiner Sicht nicht dazu.“ (Steppat, FAZ 14.01.2016)

In diesem Kontext scheint die Forderung, den Konsum in bestimmten Zusammenhängen zu regulieren, sehr viel schneller akzeptabel zu sein bzw. als vernünftig eingeschätzt zu werden als in anderen Fällen. Dabei spielt das Argument, dass jemand mit Alkohol und Feuerwerkskörper „umgehen können“ soll, auf eine (mangelnde oder falsche) Bildung und Erziehung an.

An solchen Beispielen lässt sich also zeigen, dass es in unserer Gesellschaft mehr oder weniger konsensfähige Ansätze gibt, wenn es um Fragen des Konsums geht. Auch mit Schülerinnen und Schülern können sie eine Diskussion um die jeweiligen konsensfähigen oder nicht-konsensfähigen Begründungen anregen.

Argumentationen und Reflexionen müssen dazu die allgemeineren Zusammenhänge mit erschließen. Welche historischen, welche aktuellen politischen und wirtschaftlichen Hintergründe spielen bei den Konfliktlagen und den ungelösten Problemen eine Rolle? Die hier beispielhaft angerissenen Dilemmata werden im Folgenden noch weiter erläutert.

 

Der Bildungsauftrag im Wandel?

Doch auch wenn heute klar ist, dass die Massenproduktion von Fleisch global schlimme ökologische Folgen hat, ist noch längst nicht klar, wie im Bildungskontext hiermit vernünftig umgangen werden könnte.

Sollte die Schule nun z.B. zum Vegetarismus erziehen? Welche Implikationen hätte dies?

Würden sich Kinder und Eltern bevormundet und in ihrer Privatsphäre verletzt fühlen? Würden sich Lehrerinnen und Lehrer plötzlich vor ihnen rechtfertigen müssen, wenn sie selbst keine Vegetarier wären? Oder würde man ihnen vorwerfen, dass sie Wasser predigen, aber Wein trinken, weil sie keine hundertprozentige ökologische Lebensweise nachweisen können und z.B. immer noch in den Urlaub fliegen (oder Ähnliches). Würden die moralischen Erwartungen an Lehrerinnen und Lehrer ins Unendliche gesteigert werden?

Oder würden Eltern, deren ökonomische Existenz an der Tierhaltung und der Fleischproduktion hängt, fordern, dass sich die Schule gegenüber den Lebensmittelproduzenten doch bitte unparteiisch zu verhalten habe?

Spannungen wie diese beschreiben eine Gemengelage, die immer dann entsteht, wenn unterschiedliche Standpunkte und unvereinbare Interessen in der Gesellschaft vorliegen.

 

Entwicklung von Unterrichtskonzepten

Diese Handreichung hält es für keine sinnvolle Lösung, diese Themen aufgrund solcher Ambivalenzen einfach zu ignorieren. Auch wenn die Forderung nach einer unparteiischen Haltung der Schule triftig ist, bedeutet aber das Ausblenden der ökologischen und sozialen Fragen, die der heutige Konsum und die jetzige Kommerzialisierung des Lebens haben, keineswegs Unparteilichkeit. Die Schule ist dem Allgemeinwohl verpflichtet und dieses steht mitunter in einem Spannungsverhältnis zu Partialinteressen.

Die Handreichung sieht es als wichtigen Auftrag an, die Reflexionswege über diese Zusammenhänge in der Schule zu befördern. Reflexion ist aber nicht nur eine gedankliche Angelegenheit. Es wird als eine wichtige Bildungsaufgabe erachtet, dass Menschen schon frühzeitig konkrete Erfahrungen damit machen, wie Veränderungen im Zusammenleben und in der Gesellschaft insgesamt angegangen werden können. Lösungen für klimaverträgliche und ökologisch nachhaltige Lebensweisen, die sicherlich auch eine andere Art des Konsums beinhalten, müssen entwickelt und zum Teil neu erfunden werden. Konsum, wie er vor allem durch Kommerzialisierungsstrategien beständig angekurbelt und gesteigert wird, muss dabei kritisch reflektiert werden.

Wie wir heute konsumieren, wird auf sehr professionelle Weise beeinflusst. Teilweise hat die Kunst der Verführung, teilweise die bloße Abhängigkeit von kommerziellen Angeboten die Oberhand über unsere Entscheidungen. Teilweise kann sich der Kommerz geschickt unserer Lebensgewohnheiten bedienen, um daraus Kapital zu schlagen.

Dies durchschauen zu können, bedeutet aber noch nicht, handlungsfähig zu sein.

Die Frage, wie Menschen lernen, die Entwicklung ihrer Lebensweisen selbst in die Hand zu nehmen, kann in der Schule quer durch alle Fächer gehen. Sie ist nicht in einem bewahrpädagogischen oder kulturkritischen Ansatz zu verorten, der alles Kommerzielle verteufelt und die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen möglichst davon befreien möchte.

Die Handreichung möchte eher in der Auseinandersetzung mit dem Thema „Kommerzialisierung und Schule“ mögliche Lernprozesse anregen und einen Aufklärungsprozess verbinden mit persönlich relevanten Erfahrungen, die eine Grundlage für ein zukunftsfähiges Handeln und Zusammenleben schaffen.

Literatur

Barfuss, Thomas (2015). Schule als populäre Inszenierung? Zum Spannungsfeld von Bildung und kommerzieller Kultur. In: Die Deutsche Schule, 107. Jahrgang, Heft 1, S. 69-78.

Oelkers, Jürgen (2002). Kindheit – Glück – Kommerz. In: Zeitschrift für Pädagogik, 48. Jahrgang, Heft 4, S. 553-570.

(C) Ines Langemeyer