Grundzüge einer Hochschulbildungsforschung

Ist das Lernen in der Wissenschaft etwas Besonderes? Ist es tatsächlich mehr oder gar etwas ganz Anderes als das Lernen im schulischen Unterricht –, nur dass es spezieller um wissenschaftliche Inhalte geht? Ich stelle hierzu die These auf, dass das Lernen in der Wissenschaft zumindest mehr ist als ein Wissenszuwachs und ein Aufbau von Können. Es führt auch nicht nur zu einer höheren Allgemeinbildung, sofern man es mit der Wissenschaft ernst meint.

Anders als in der Schule steht es im größeren Zusammenhang einer zugleich praktischen und theoretischen Weiterentwicklung eines wissenschaftlichen Gebiets oder einer Disziplin. Hiermit fundiere ich auch auf der Grundlage der Wissenschaftstheorien von Ludwik Fleck, Michael Polanyi und Lev S. Vygotskij die Vorstellung einer fachlichen Enkulturation, die durch ein akademisches Studium erreicht werden sollte.

Im ersten Schritt ist dazu die Einsicht zu gewinnen, dass das Lernen in der Wissenschaft eine Nähe zu Forschungsprozessen hat bzw. mit Forschung zum Teil in eins fällt. Deshalb lässt es sich auch kulturtheoretisch als Teilhabe an Wissenschaft und Forschung umschreiben. Allerdings ist gerade dieses In-eins-Fallen genauer zu erläutern.

Dazu unterscheide ich die Tätigkeit wissenschaftlichen Forschens vom Lernen durch zwei Ebenen: Forschen ordne ich der gesellschaftlichen, Lernen als Teilhabe an Wissenschaft hingegen der individuellen Ebene zu. Beide Ebenen stehen in einem Spannungsverhältnis zueinander. Dies muss zunächst abstrakt klingen, es hat aber wichtige praktische Einsichten zur Folge.

Wie wir wissen, ist Wissenschaft nichts Einheitliches, nichts Feststehendes. Eine bestimmte Wissenschaft konstituiert sich als ein fachliches Gebiet, das sich durch Forschung verändert und mitunter ausdifferenziert. Die Forschung hat sogar explizit zum Ziel das Wissen auf einem Gebiet zu verändern, es prüfend neuen Fragen und Zweifeln zu unterziehen und zusammen mit den wissenschaftlichen Methoden weiterzuentwickeln. Diese Aufgaben kommen dabei nicht nur Laboren zu. In den Geisteswissenschaften betrifft dies vor allem die Entwicklung der hermeneutisch-interpretativen Praxis, mit Sprache und Texten im weitesten Sinne umzugehen.

Unabhängig von den Differenzen, die Natur- und Geisteswissenschaften aufweisen: Offensichtlich ist die Entwicklung der Disziplinen ein Rahmen, der rein individuelle Erfahrungen übersteigt. Das persönliche Wissen, das eine Person hervorbringt, ist immer von ihrem eigenen Handeln abhängig. Keine Einzelperson könnte aber jemals für die Erkenntnisse auf einem fachlichen Gebiet allein verantwortlich sein; niemand könnte, ohne auf Erfindungen und Einsichten früherer Generationen zurückzugreifen, wissen, warum etwa die darwinsche Evolutionstheorie, die Kernspaltung oder die Quantenmechanik als wissenschaftlich gültig, die Astrologie hingegen als bloße Einbildung anzusehen ist. Niemand könnte in den Geisteswissenschaften eine Unterscheidung zwischen Mythos, Ideologie und Aufklärung treffen, wenn nicht institutionelle Zusammenhänge der Wissenschaft einen Referenzrahmen dafür bereit stellten. Niemand könnte angesichts der komplexen Forschungsgegenstände die rein individuelle Erfahrung heranziehen, um die theoretischen Vorstellungen von ihnen wissenschaftlich zu schärfen. Sie können nicht durch konkret-sinnliche Wahrnehmung oder persönliches Wissen allein geprüft und in Frage gestellt werden. Denn es gibt keinen Menschen, der je Atome direkt beobachten konnte, und dennoch wird die Tatsache, dass Atome zerfallen können, angenommen. Auch Aufklärung ist keine reine Privatangelegenheit, die ein*e Einzelne*r für sich entscheiden könnte.

Dies ist dadurch zu erklären, dass niemand ohne die gesellschaftlichen Kulturprodukte der Sprache, der Symbolsysteme, der Technik und der Institutionalisierung der Wissenschaften zum Wahrheitsproblem und zu anderen wissenschaftlichen Fragestellungen gelangen könnte. Deshalb ist die Erfahrung, die individuell beim Lernen wie gesellschaftlich beim Forschen in der Wissenschaft gemacht wird, im Wesentlichen theoretischer Art (Langemeyer, Das Wissen der Achtsamkeit, 2015, Kap. 4). Das schließt praktische und konkret-sinnliche Erfahrung nicht aus. Sie ist zudem gleichzeitig individuell und gesellschaftlich: Sie ist individuell, insofern sie auch das Lernen des Einzelnen braucht, aber sie ist mithin gesellschaftlich, weil sie kulturell vermittelt ist.

Die kulturelle Basis des Lebens ist dabei zugleich die Grundlage, um Erkenntnisse im Einzelnen verallgemeinern zu können. Durch das Aufdecken unzähliger Irrtümer nehmen wir heute jedoch an, dass unsere Erkenntnis grundsätzlich nur vorläufig ist. Wir relativieren den Wahrheitsbegriff, so wie wir unser Leben auch nicht mehr als Endpunkt einer Entwicklung – etwa einer göttlichen Vorsehung – begreifen.

Dennoch brauchen wir das Wahrheitskriterium für Lern- und Forschungsprozesse in der Wissenschaft, die jeder Einzelne durchmachen muss, wenn er oder sie verstehen möchte, wie in einem bestimmten wissenschaftlichen Feld gedacht und gehandelt wird. Lernen in der Wissenschaft ist in diesem Sinne ein Prozess, in dem sich die Lernenden bewusst vergesellschaften. Sie treten aus dem engeren Rahmen ihres persönlichen Weltzugangs heraus und erschließen sich ein gesellschaftliches Verhältnis zur Welt. Mit ihren individuellen Lernprozessen versuchen sie, sich selbst auf den heutigen Stand der wissenschaftlichen Entwicklung zu heben. Diese Versuche müssen letztlich ein Spannungsverhältnis bilden, da jede individuelle Entwicklung hinter der kulturellen Entwicklung der Wissenschaften zurückbleibt.

Zum Weiterlesen:

Langemeyer, I. (2017). Das forschungsbezogene Studium als Enkulturation in Wissenschaft. In: H. Mieg., J. Lehmann (Hrsg.). Forschendes Lernen: Lehre und Lernen erneuern. Frankfurt/M.: Campus, S. 91-100

Langemeyer, I. (2015). Das Wissen der Achtsamkeit. Kooperative Kompetenz in komplexen Arbeitsprozessen. Münster

Langemeyer, I. Rohrdantz-Herrmann, I. (2015). Wozu braucht eine Universität Lehr-Lernforschung? In: Langemeyer, I., Fischer, M., Pfadenhauer, M. (Hrsg.). Epistemic and learning cultures – wohin sich Universitäten entwickeln. Juventa/Beltz (S. 211-227).