Grundlagen

Forschungsorientiert Studieren: Wie komme ich zu (m)einem eigenen Forschungsprojekt

Gliedert man den Forschungsprozess grob in drei Phasen, dann lassen sich Lehr-Lernprozesse des forschenden Lernens wie folgt zuteilen: Phase der Emergenz und der Vermutung (d.h. Finden einer Forschungsfrage); Phase der Konzeption eines Untersuchungsdesigns und seine Umsetzung in einen Forschungsprozess; Phase der Auswertung, Analyse und Verteidigung der Ergebnisse (d.h. tiefere Reflexion). Zu diesen Phasen werden im folgenden strukturierende Arbeitshilfen angeboten. Ihre didaktische Erläuterung ist dabei von größter Bedeutung und wird zunächst zur gründlichen Lektüre empfohlen.

Didaktische Erläuterungen

Eine gute Forschungsfrage liegt meist nicht gleich auf der Hand. Man weiß nicht sofort, ob man sich etwas Sinnvolles vornimmt. Oft stellt sich erst mit dem Forschen selbst heraus, dass man anders hätte ansetzen müssen, dass man an dies und jenes nicht bedacht hat. Entsprechend sind die Konzeption und Planung einer Untersuchung mit Ruhe anzugehen. Sie verlangen einen Umgang mit dem Ungefähren. Man muss bereit sein, immer wieder umzulenken, wenn man Probleme erkennt. Um sie frühzeitig zu erkennen, braucht es Erfahrung.

Eine Forschungsfrage wird häufig mit einem Thema verwechselt. So hört man z.B.: „Mich interessiert der Schulunterricht mit Laptops.“ „Mich interessiert der Alltag der Menschen von damals (z.B. im Faschismus).“ „Ich finde Berufswahlmotive spannend.“ Forschungsfragen können in Bezug auf all diese Themen gefunden werden, aber sie enthalten ein Problem, das nicht nur mit verfügbaren Informationsquellen gelöst werden kann, präzise Bestimmungen des Gegenstands/der Gegenstände (wissenschaftliche Begriffe, geographische Eingrenzungen, Falldefinitionen etc.) und Zusammenhangsannahmen, die wissenschaftlich plausibel sind.

 

 

Wissenschaftliche Fragestellung (Noch) keine wissenschaftliche Fragestel­lung
„Unterscheidet sich das Lernen mit Laptops vom Lernen ohne Laptops im Unterricht?“

Hier ist die Fragestellung explorativ, da sie auf die Identifikation von Unterschei­dungs­dimensionen zielt. Bei der Präzisierung der Frage würde allerdings das Problem virulent, was wesentliche und was unwesent­liche Dimensionen sind.

„Verbessert das Lernen mit Laptops den Unterricht?“

 

Hier ist zu präzisieren: Was soll „Verbes­serung“ heißen? An welchen Kriterien kann die Qualität des Lernens festgemacht wer­den? Welches ist der Forschungsgegen­stand: der Lernprozess oder die Lernergeb­nisse?

„Haben sich die (kath./ev.) Christen in der deutschen Stadt X um 1935 (im Faschismus vor dem Krieg) eher aus Angst ins Private zurückgezogen, lebten sie ihren Alltag wie vor 1933 weiter oder engagierten sie sich sogar stärker in der Öffentlichkeit?“

Diese Fragestellung ist vielleicht schon einmal in Studien erforscht worden, kann aber z.B. anhand von noch nicht ausgewer­teten Quellen aus Archiven weiter untersucht werden. Differenzierungen über die soziale und persönliche Lage dieser Menschen, ihre gegebenenfalls erfahrene politische Repres­sion etc. werden im Forschungs­prozess not­wendig, weil zu erwarten ist, dass es Fälle gibt, die alle drei Möglichkeiten bestätigen.

„Hat sich der Alltag um 1935 für die Menschen verändert?“

 

Hier ist unklar, woran man Verände­rungen systematisch beobachten möchte. Auch die Formulierung „Menschen“ ist zu allgemein: Soll die gesamte Bevöl­kerung in Deutschland untersucht werden? Dies wäre ein recht umfangreiches Forschungsprojekt. Welche Art von Schlussfolgerungen möchte man zudem aus der Forschung ziehen? Würde man z.B. zufällig anhand von amt­lichen Eintragungen feststellen, dass es 1935 mehr Hundebesitzer als 1930 gab, dann wäre unklar, wie sich dieser Tatbestand erklären und interpretieren lässt.

Welche Motivlagen spielen bei der Studien­wahl eine Rolle

Hier wird von der theoretischen Annahme ausgegangen, dass mehrere Motive zum Zeitpunkt der Entscheidung für ein Studium vorliegen. Entsprechend stellt sich nun die methodische Aufgabe, wie mehrere Motive erfasst werden können. Dies könnte auch bedeuten, dass unbewusste Motive mit ein­bezogen werden, die z.B. nicht direkt durch eine Abfrage sichtbar werden. Nun braucht man eine weitere theoretische Annahme darüber, wie man Zugang zum Unbewussten bekommt.

Wer entscheidet sich für den Lehrberuf an allgemeinbildenden Schulen?

Über das Personal an allgemeinbildenden Schulen werden Statistiken geführt. Die For­schungs­frage hätte noch kein stich­haltiges Problem. Es wäre genauer zu fragen, warum z.B. manche Studierende des Lehramts nach erfolgreichem Abschluss nicht an die Schulen gehen. Oder wie sich die Gruppe der Studie­ren­den, die ein Fach auf Lehramt studieren, von der unterscheidet, die dasselbe Fach mit einem BA/MA-Studium gewählt haben.