Grundlagen

Wie die Videoreihe verdeutlicht, ist schon bei der Vorbereitung einer empirischen Forschung im Blick zu behalten, dass die Daten eine Qualität besitzen müssen, mit der man eine Beweisführung für eine Theorie aufbauen kann. Allgemein lassen sich Beweisarten der Wissenschaft auf vier unterschiedlichen Ebenen beschreiben, die im Forschungsprozess in eine enge Beziehung zueinander treten können (Kuhn/Pearsall 2000).

Die erste Ebene ist die begriffliche. Sie verlangt noch nicht den wissenschaftlichen Umgang mit Daten (als Ebene der Empirie), sondern eine gründliche Reflexion über Wissensbestände und ihre theoretische Einordnung. Insofern handelt es sich hier eigentlich nicht um Be- oder Nachweise in einem strengen Sinne, sondern um eine Aneignung der etablierten Begriffe einer Disziplin in ihrer jeweiligen Verwendung. Mit Kant gesagt, geht es um analytische Wahrheiten. Beispielsweise ist die Behauptung, alle Pflanzen seien Lebewesen, durch weitere begriffliche Bestimmungen nachweisbar. Man zieht zur Begründung, warum diese Allaussage wahr bzw. zutreffend ist, etwa eine Definition aus Lehrbüchern heran. Man prüft anschließend, ob die allgemeinen Merkmale von Lebewesen auch auf Pflanzen zutreffen (ihr Stoffwechsel, ihr Wachstum, ihre Reproduktion usw.), weshalb man argumentieren kann, dass die erste Kategorie die zweite einschließt. Interessant werden nun Ordnungsversuche, die übliche Klassifikationssysteme in Frage stellen. So gibt es jeweils Argumente dafür, Pilze als Pflanzen oder als Tiere zu kategorisieren. Diese Frage führt zu weiteren Fragen, ob man z.B. die Photosynthese für die Klasse der ‚Pflanzen’ als essenziell ansieht oder nicht. Räumt man Ausnahmen für eine Regel ein, sind Hierarchien wichtig, welches Kriterium ausnahmslos, welches häufig, bedingt und welches weniger streng gilt. Oder man kommt zu dem Schluss, eine weitere Kategorie gleichrangig zu Pflanzen und Tieren einzuführen, um Pilze zu klassifizieren. Insofern geht es also auf dieser ersten Ebene darum, wie Begriffe im wissenschaftlichen Sinne gebraucht werden.

Die zweite Ebene bezieht sich auf Prozesse. Jetzt geht es nicht mehr um allgemeine begriffliche oder auch logische Bestimmungen wie Klassifikationen, sondern um eine Beurteilung konkret beobachtbarer Vorgänge. Sieht man ein Bäumchen auf dem Balkon stehen, das braune Blätter hat, so kann man beispielsweise behaupten, dieses sei eingegangen. Die braunen Blätter sind dafür ein Indiz. Da aber Blätter im Herbst überhaupt braun werden und von den Bäumen abfallen, ist dieser Hinweis noch kein Beweis. Um den Fall eindeutig entscheiden zu können, sind weitere Indizien wichtig. Sie sollten schlussendlich eine Beweiskette bilden, um ein Urteil fällen zu können. Wer forscht, muss lernen genauer hinzuschauen und systematisch zu beobachten.

Die dritte Ebene, auf der nach Beweisen gesucht wird, sind die Kausalitätsbeziehungen. Sie zu bestimmen, bedeutet, wissenschaftliche Erklärungen für einen beobachteten Vorgang finden zu können. Am Beispiel einer Pflanze, von der angenommen wird, dass sie eingegangen sei, stellt sich nun die Frage, was die Ursache für ihr Absterben war. Die braunen Blätter sind nur das Symptom, nicht die Ursache selbst. Als mögliche Erklärungen sind fehlendes Sonnenlicht, zu wenig oder zu viel Wasser oder fehlende Nährstoffe zu nennen. Es lässt sich aber nicht unmittelbar entscheiden, welches die Ursache war. Die Beweisführung verlangt daher ein Prüfverfahren, mit dem Ursachen eindeutig identifiziert werden können. Das heißt, nichtzutreffende, aber mögliche Ursachen müssen ausgeschlossen werden. Die Prüfung muss empirisch vonstatten gehen und nicht an irgendeiner beliebigen, sondern an der konkret beschriebenen Pflanze auf dem Balkon erfolgen. Empirische Erscheinungsformen liefern nur Hinweise auf Kausalzusammenhänge, diese selbst aber auch ‚unsichtbar‘ bzw. von einer ganz anderen Qualität als das offensichtlich Sichtbare sein können. Genau deshalb widersprechen wissenschaftliche Denkweisen häufig den Alltagserfahrungen.

Die vierte Ebene verallgemeinert die dritte, indem sie sich den Vorgängen von Leben und Sterben einer Pflanze als allgemeinen Systemzusammenhängen zuwendet. Die Behauptung, für die Beweise geliefert werden müssen, lautet dann beispielsweise: Pflanzen betreiben bei ihrem Stoffwechsel Photosynthese und benötigen dazu Wasser und Nährstoffe aus dem Boden. Gerade auf dieser Ebene, in der z.B. Kreislaufmodelle der Nährstoffaufnahme und -verwertung von Bedeutung sind, sind Beweis- oder Nachweisketten üblich und notwendig. Auf dieser Ebene geht es darum, verschiedene Erklärungsansätze und ihre jeweiligen, fachspezifischen Grenzen zu einem Ganzen zusammenzudenken.

Allgemein gilt, dass empirische Tatsachen sowohl als Beweis/Nachweis für als auch als Beweis/Nachweis gegen eine Annahme fungieren können. Sollte man beim Reflektieren über angenommene Tatsachen feststellen, dass der Gegenbeweis mit ihnen nicht möglich ist, dann liegt wahrscheinlich folgender Fehler vor: Man verwechselt Empirie und Theorie. Die ‚Tatsachen‘ waren keine empirischen. Oder anders gesagt: Man zieht zur Plausibilisierung der eigenen Annahme nur eine weitere Theorie heran, die man ebenfalls für plausibel hält. Für wissenschaftliche Argumentationen ist deshalb die klare Unterscheidung von Theorie und Beweis wichtig.

Auf dieses Problem geht die Videoreihe genauer ein.