Forschungsorientiert Lehren – forschungsorientiert Studieren: Grundlagen und Voraussetzungen für forschendes Lernen im Studium

Was ist forschendes Lernen?

Das Wesentliche des forschenden Lernens ist die theoretische Erfahrung. Sie betrifft mehrere Fragen: Warum erwarte ich, dass etwas so und nicht anders geschieht? Ab wann sind meine Annahmen und Schlüsse über die Wirklichkeit (einen Sachverhalt oder das Verhalten anderer Menschen) gut begründet und betreffen die wirklichen Kräfte und Zusammenhänge der Natur, der Gesellschaft bzw. des Verhaltens von Menschen? Und allgemeiner: Was wird wodurch erklärbar und was lässt eine Erklärung dabei außen vor? Wovon wurde bei der theoretischen Erklärung abstrahiert, welche andere Art zu abstrahieren wäre auch möglich und gegebenenfalls dem Gegenstand angemessener?

Theoretische Erfahrungen sind Erfahrungen mit der Arbeit des Denkens und des Forschens. Es sind Erfahrungen mit dem eigenen Denkhorizont und dem eigenen Vorstellungsvermögen. Beides wird durch forschendes Lernen, durch Bezug auf wissenschaftliches Forschen, Prüfen und Argumentieren erweitert. Welche Denkstrategien, welche Mittel der Forschung und welche Denkstile auf einem Wissensgebiet haben welche Implikationen für die Lösung eines wissenschaftlichen Problems? Man braucht Erfahrung im Umgang mit diesen Dingen, um die Vorzüge bestimmter Ansätze sowie ihre Tücken besser einschätzen zu können.

Darüber hinaus wird theoretische Erfahrung für die Erweiterung der menschlichen Denk- und Handlungsfähigkeit bedeutsam. Theoretische Erfahrungen gehören zu all den handlungsrelevanten Erfahrungen, die Menschen heute in nicht geringem Maße indirekt und daher auch vermittels gedanklicher Arbeit machen müssen. Wie entstehen exaktere Vorstellungen davon, wie man in der Welt in konkreten Situationen wirken und eingreifen kann und mit welcher Voraussicht man dies auch tun sollte? Theoretische Erfahrungen werden in der wissenschaftlichen Arbeit gemacht. Auf ihrem Hintergrund können sowohl sinnvolle Formen der Antizipation (Aufmerksamkeit, Achtsamkeit) als auch der Reflexion (Nachvollziehen-, Erklären- und Bewerten-Können) gebildet werden. Sie ist notwendig für die Urteilskraft im Umgang mit wissenschaftlichen Forschungsprozessen, -daten und -ergebnissen. Jede theoretische Erfahrung ist eine Erfahrung in sozialen Kontexten, in denen Menschen durch einen theoretisch erarbeiteten (d.h. theoretisch strukturierten) Erkenntnishorizont ihre Denk- und Handlungsfähigkeit erweitern. Trifft dies auf einen Lernprozess zu, so handelt es sich um forschendes Lernen.

Wenn Sie weitere Anregungen zur Reflexion bekommen möchten, klicken Sie bitte auf diesen Link.

Forschen Lernen 

Intro

(http://dx.doi.org/10.5445/DIVA/2018-652)

Die Videoreihe ist nicht ausschließlich für ein Selbststudium konzipiert. Forschendes Lernen sollte im Kontext von Lehrveranstaltungen oder Studienprogrammen geschehen, wo für fachliche Beratung und Korrektur sowie fachliche Diskussionen über Zwischenergebnisse gesorgt wird.

Was ist ein Beweis? 

(http://dx.doi.org/10.5445/DIVA/2018-653)

Zur Vertiefung:

Es ist in den Wissenschaften durchaus nicht immer eindeutig, was ein echter Beweis für eine Annahme ist. Fehlende Eindeutigkeit ist eher die Regel als die Ausnahme. Studierende sollten sich daher mit unterschiedlichen Studien ihres Faches auseinandersetzen, die für unterschiedliche Forschungsrichtungen stehen. Dozentinnen und Dozenten können Beispiele dafür im Seminar vorstellen oder von Studierenden vorstellen lassen. Studierende können darüber hinaus eigenständig recherchieren, was innerhalb ihrer Disziplin als gute Beweisführung gilt und warum.

Auch in aktuellen politischen Debatten wird mitunter ein Streit um echte oder nur vorgetäuschte Beweise geführt. Hier ein Beispiel.

Was ist eine Theorie?

http://dx.doi.org/10.5445/DIVA/2018-654

Zur Vertiefung:

Es ist wichtig, dass Studierende verschiedene theoretische Zugänge zu einer Fragestellung kennenlernen und genügend Zeit haben, sich in die jeweilige Denkweise zu vertiefen. Ein oberflächliches Theoriestudium läuft Gefahr, dass man die Unterschiede nicht wahrnimmt und Wissensbestände aus der Wissenschaft als rundum widerspruchsfrei ansieht. Die Wissenschaften entwickeln sich jedoch gerade durch das Widersprechen und durch die Kritik weiter. Studierende brauchen Einblicke in die Wissenschaftsgeschichte ihres Faches, um diese wichtige Momente wissenschaftlicher Arbeit – Widerspruch und Kritik – genauer zu verstehen.

Die Videoreihe kann leider nicht ausreichend alle Forschungsrichtungen berücksichtigen. Deshalb sei hier angemerkt, dass sich nicht alle methodischen Ansätze darin erschöpfen, dass zwei Merkmale wie etwa Alter und Einkommen zueinander ins Verhältnis gesetzt werden, um ihren möglichen Zusammenhang zu überprüfen. Das Video arbeitet hier lediglich mit einer didaktischen Reduktion. Nicht nur in der quantitativen Sozialforschung wäre eine solche Untersuchung unterkomplex, stellen sich doch gleich daran Interpretationsfragen wie: Lässt sich damit eine Altersdiskriminierung beweisen oder widerlegen? Welche Kontrollvariablen wären wichtig, um die Datenlage (sofern eine repräsentative Stichprobe gegeben ist) belasten zu können? Welche weiteren Kriterien sind zu berücksichtigen, wenn Diskriminierung überprüft werden soll? Auch in der qualitativen Sozialforschung stehen Annahmen im Vordergrund, die sich in der Regel nicht einfach durch das Korrelieren zweiter Variablen überprüfen lassen. In interpretativen Verfahren der Sozialforschung geht es zudem eher um die Beweisführung, die zeigt, dass eine Interpretation triftig ist, weil sie mit Daten intersubjektiv nachvollziehbar belegt werden kann.

Zu empfehlen ist zur Vertiefung beispielsweise das Buch:

Christel Hopf (2016). Forschungsethik und qualitative Forschung. Heidelberg/New York.

Warum müssen Theorie und Beweis zueinander finden?

http://dx.doi.org/10.5445/DIVA/2018-655

Die Studien von Deanna Kuhn, auf die hier Bezug genommen wird, werden in den Arbeitshilfen (siehe unten) zitiert.

Von der Theorie zum Beweis

http://dx.doi.org/10.5445/DIVA/2018-656

Sollte der Einstieg ins eigenständige forschende Lernen als allzu große Hürde erscheinen, können Studierende zunächst an Aufgaben lernen, die ihr Verständnis für die Forschung verbessern. Eine gute Methode ist die Argumentation, die durch Bezug auf wissenschaftliche Erkenntnisse und Logik zu entwickeln ist.

Als didaktische Methode ist das Argumentieren in folgendem Buch dargestellt:

Kuhn, D. (2018). Buildung Our Best Future. Thinking Critically About Ourselves and Our World.Wessex Press.

 

Arbeitshilfen zum forschenden Lernen:

Langemeyer_Arbeitshilfen_Forschen_Lernen

doi10.5445/IR/1000085702

(C) Ines Langemeyer