Forschendes Lernen

Was ist eine Theorie?

http://dx.doi.org/10.5445/DIVA/2018-654

Zur Vertiefung:

Das Wort „theoría“ kommt von „theorein“ (θεωρεῖν), meint „schauen, betrachten“ und gilt als „Inbegriff des philosophischen Wissens“ (Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie 2004, S. 259). „Theorie“ steht so „ursprünglich […] für die Beobachtung oder Betrachtung bestimmter sakraler oder anderer festlicher Veranstaltungen, später auch für die ‚rein geistige‘ Betrachtung von Ideen, Sachverhalten oder abstrakten Zusammenhängen“ (S. 260).

Wie schon in Bezug auf die Fehleranfälligkeit der Evidenz deutlich gemacht wurde, ist es wichtig über die eigene Betrachtungsweise kritisch nachzudenken. Es ist deshalb wichtig, dass Studierende verschiedene theoretische Zugänge zu einer Fragestellung kennenlernen und genügend Zeit haben, sich in die jeweilige Denkweise zu vertiefen.

Ein oberflächliches Theoriestudium läuft Gefahr, dass man die Unterschiede nicht wahrnimmt und Wissensbestände aus der Wissenschaft als rundum widerspruchsfrei oder eben als „evident“ ansieht. Die Wissenschaften entwickeln sich jedoch gerade durch das Widersprechen und durch die Kritik weiter. Studierende brauchen Einblicke in die Wissenschaftsgeschichte ihres Faches, um diese wichtige Momente wissenschaftlicher Arbeit – Widerspruch und Kritik – genauer zu verstehen.

Die Videoreihe kann leider nicht ausreichend alle Forschungsrichtungen berücksichtigen. Deshalb sei hier angemerkt, dass sich nicht alle methodischen Ansätze darin erschöpfen, dass zwei Merkmale wie etwa Alter und Einkommen zueinander ins Verhältnis gesetzt werden, um ihren möglichen Zusammenhang zu überprüfen. Das Video arbeitet hier lediglich mit einer didaktischen Reduktion. Nicht nur in der quantitativen Sozialforschung wäre eine solche Untersuchung unterkomplex, stellen sich doch gleich daran Interpretationsfragen wie: Lässt sich damit eine Altersdiskriminierung beweisen oder widerlegen? Welche Kontrollvariablen wären wichtig, um die Datenlage (sofern eine repräsentative Stichprobe gegeben ist) belasten zu können? Welche weiteren Kriterien sind zu berücksichtigen, wenn Diskriminierung überprüft werden soll? Auch in der qualitativen Sozialforschung stehen Annahmen im Vordergrund, die sich in der Regel nicht einfach durch das Korrelieren zweiter Variablen überprüfen lassen. In interpretativen Verfahren der Sozialforschung geht es zudem eher um die Beweisführung, die zeigt, dass eine Interpretation triftig ist, weil sie mit Daten intersubjektiv nachvollziehbar belegt werden kann.

Zu empfehlen ist zur Vertiefung beispielsweise das Buch:

Christel Hopf (2016). Forschungsethik und qualitative Forschung. Heidelberg/New York.